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Entstehungsgeschichte des Konduktiven Förderangebotes in Niebüll


Das heutige Angebot geht ursprünglich zurück auf die 1992 gemeinsam mit 3 weiteren Familien gegründete 'Elterninitiative Konduktive Förderung Schleswig-Holstein'.

Das komplexe Konduktive Lernkonzept war fachlich überzeugend. Insbesondere dessen Alltagsbezug bestätigte die Haltung der beteiligten Mütter bei der Versorgung, Erziehung und Förderung ihrer schwer mehrfachbehinderten Kinder. Wir hatten erfahren, dass so genannte additive Methoden wie Krankengymnastik + heilpädagogische Frühförderung + ggf. Ergotherapie + ggf. Logopädie durch verschiedene Personen an unterschiedlichen Orten den Entwicklungsmöglichkeiten unserer Kinder nicht gerecht wurden. Die Fachkräfte, die wir kennen gelernt hatten, nahmen für sich in Anspruch, ganzheitlich zu fördern, fokussierten aber jeweils ausschließlich den Entwicklungsbereich der Persönlichkeit, für den sie sich kompetent fühlten bzw. qualifiziert waren. 2

Im Alter von 3 bis 4 Jahren sollten unsere Kinder regelmäßige Kontakte zu anderen Kindern haben und mit ihnen in der Gruppe spielerisch lernen können. In den jeweiligen Frühförder- und Sonderkindergartengruppen waren sie als 'besonders schwere Fälle' Außenseiter unter mehrheitlich mobilen, primär lernbeeinträchtigten Kindern und würden dies voraussichtlich bleiben. 

Wir wollten die alltäglichen und z.T. sehr mühsamen Situationen wie Essen, Trinken, Spielen, Körperpflege, Sauberkeitserziehung, Förderung aktiver Fortbewegung nicht nur bewältigen, sondern nutzen, um unsere Kinder gezielt bei der Entwicklung zunehmender Eigenaktivität zu unterstützen. 
Den Therapeutinnen und (Heil-) PädagogInnen in der Region war die Konduktive Förderung entweder nicht bekannt oder sie waren dem transdisziplinären und alltagspraktischen Konzept gegenüber nicht aufgeschlossen. Eine Konduktive Fachkraft konnten wir nicht finanzieren. Dies gab den Anstoß für meine eigene konduktive Qualifizierung. 

Die Gruppe traf sich zunächst 1x wöchentlich für 3 Stunden. Wir durften die Räume der Lebenshilfe e.V. später des  Montessori Kinderhauses in Niebüll nutzen. Mit Unterstützung der Christof-Husen-Stiftung konnten bereits Ende 1992 Pritschen, Leitern, Haltegriffe, ein Therapietrampolin usw. beschafft werden. Das Programm bestand aus groß- und feinmotorischen, spielerischen Lerneinheiten, einer gemeinsamen Mahlzeit sowie Transfers mit größtmöglicher Eigenaktivität der Kinder. Ab 1995 trafen wir uns 2x wöchentlich, um auch Dehnungsübungen, Trampolin- und Schwimmtraining regelmäßig durchführen zu können. 

Für Eltern, die ihr Kind zur Konduktiven Förderung 'abgeben' wollten, war die Gruppe nicht interessant. Für uns stand gemeinsames Lernen im Vordergrund und es gab kaum Fluktuation. 

Mit Eintritt der Kinder ins Schulalter erschien es nicht mehr sinnvoll, dass die Mütter oder -seltener- Väter weiterhin regelmäßig in der Gruppe mitarbeiteten. Graduelle Distanzierung der Eltern-Kind-Beziehung in dieser Phase ist ein natürlicher, sinnvoller Prozess und die Mütter brauchten Entlastung.   

1996 gründete ich die Konduktiv Mehrfachtherapeutische und Psychologische Praxis Niebüll. Nach und nach wurden interessierte junge Menschen als Konduktive GruppenassistentInnen eingearbeitet. Die Mütter übernahmen seltener und nun primär zur eigenen Anleitung den so genannten Elterndienst. 

Die Konduktive Nachmittagsgruppe war und ist für die Gesamtentwicklung aller TeilnehmerInnen von zentraler Bedeutung. 

Das Förderangebot wurde ausgebaut und wird ständig weiterentwickelt. 1996 bestand die Gruppe aus 5, im Jahr 2007 aus 8 regelmäßigen TeilnehmerInnen. 2007 zogen wir in die Jugendherberge Niebüll um, 2014 in das Förderzentrum Südtondern (ehemalige Drei Harden Schule) und haben dort seither geeignete Räumlichkeiten gemietet. Monatliche Eltern-/Teamabende, regelmäßige Teamfortbildungen sowie Wochenend-Workshops mit allen Beteiligten, jeweils 8-tägige Förderfreizeiten in den Frühjahrs- und Herbstferien und ein 14-tägiges Sommercamp mit Ø 12 TeilnehmerInnen sind mittlerweile fester Bestandteil des komplexen Förderangebotes in Niebüll. 

Mit anderen beteiligten Fachkräften, behandelnden Ärzten, Orthopädiemechanikern usw. arbeiten wir eng und erfolgreich zusammen. Durch Informationsveranstaltungen, Workshops und auch in Rechtsstreiten setzten wir uns für die Anerkennung, Verbreitung und Regelfinanzierung Konduktiver Förderung ein.   

Niebüll, Dezember 2014 
Rebecca Albers 
Diplom-Psychologin und Akademische Mehrfachtherapie-Konduktorin 

 

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1 Im März 1989 wurde mein Sohn aufgrund eines Sauerstoffmangels während der Geburt mit einer schweren Hirnschädigung geboren. Seit Ende 1989 hatte ich mich schrittweise mit dem Konduktiven Förderungssystem vertraut gemacht, u.a. durch: Konsultationen von Magda u. Károly Ákos, ehemals Neurologen am Petö Institut in Budapest, Herausgeber des Buches 'Dina - eine Mutter praktiziert die Konduktive Pädagogik', Austausch mit Gabriele Haug, Gründerin des Vereins zur Verbreitung Konduktiver Pädagogik in Ulm, Aufenthalt am Hornsey Center in London mit Unterweisung durch Dorothy Seglow und Esther Cotton, Austausch mit Ulla Jaeger u. Anders Kirkeskof von der Familieskolen bei Kopenhagen sowie mit Dagmar Siebold, Praxis für Mehrfachtherapeutisch Konduktive Förderung, Berlin, ab 1993 durch kontinuierliche Unterweisung und Ausbildung am Institut Keil, Wien. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an Helga Keil-Bastendorff und Bettina Tautscher-Fak. 

2 Mit anderen Worten: die PädagogInnen verstanden wenig von den pathologischen Bewegungsmustern und behinderungsbedingten Fehlhaltungen unserer Kinder und brachten sie bspw. in Positionen, die ihrer motorischen Gesamtentwicklung eher schadeten als nutzten, oder waren durch die ausgeprägte Spastik, reflektorischen Bewegungen und die Nervosität unserer Kinder schlicht überfordert (3 von 4 Gruppenkindern hatten etwa bis zum Alter von 10 Jahren medikamentös kaum beherrschbare epileptische Anfälle). 
Die PhysiotherapeutInnen lenkten unseren Blick auf die motorischen Defizite / Defekte, die es auszugleichen galt, bevor weitere Entwicklungsschritte folgen würden - weniger auf die ansatzweise durchaus vorhandenen Kompetenzen, die in konduktivem Sinne weitergeführt werden konnten. 

3 Da unsere Kinder aufgrund der Schwere ihrer Behinderungen mehrheitlich in Sonder- bzw. Förderschulen für geistig Behinderte eingeschult wurden, der Erhalt und Ausbau ihrer Bewegungsfähigkeit dort aber kaum Berücksichtung fand, bot ich 1997 an, Konduktive Fördereinheiten für körper-/mehrfachbehinderte SchülerInnen in den Wochenplan der Carl-Ludwig-Jessen Schule in Niebüll zu integrieren. Das Projekt wurde von der zuständigen Referatsleiterin im Kultusministerium Schleswig-Holsteins befürwortet, von der Schulleitung jedoch abgelehnt.